Berlin, 22. September 2026 · Seite 9
57 Prozent
Notizen über ein Land, das von seinen Reserven lebt
Seit Tagen eine Zahl, die ich nicht loswerde. Die deutschen Gasspeicher sind zu 57 Prozent gefüllt. Vor einem Jahr waren es knapp 77, vor zwei Jahren rund 96. Vorgeschrieben sind 80 Prozent zum ersten November; die Betreiber halten inzwischen höchstens 77 für erreichbar. Für einen normalen Winter reicht das, rechnen sie vor. Für einen kalten wie 2010 nicht.
Ich habe mir – vielleicht ist es eine Berufskrankheit – angewöhnt, solche Zahlen nicht als Nachricht zu lesen, sondern als Messwert. Wer ein Tragwerk auslegt, rechnet nicht mit der mittleren Last, sondern mit der größten, die er für möglich hält, und schlägt dann noch etwas darauf. Dieses Etwas heißt Reserve. Man sieht sie nicht, man bezahlt sie, und in guten Jahren gilt sie gemeinhin als Verschwendung. Aber sie entscheidet darüber, ob ein harter Winter ein harter Winter bleibt.
Ich habe in dieser Woche vier solcher Messreihen nebeneinandergelegt.
Die Energie zuerst. Seit Ende Februar ist die Straße von Hormus faktisch gesperrt; Erdgas kostete in Europa im August etwa das Siebenfache des amerikanischen Preises. Der Krieg ist der Anlass. Die Ursache ist älter. Jahrzehntelang kam das Gas billig und gleichmäßig aus dem Osten, und ein voller Speicher war unter diesen Bedingungen totes Kapital. Vorsorge rechnete sich nicht. Man hat folgerichtig auf sie verzichtet.
Dann das Geld. Im März 2025 beschloss der Bundestag 500 Milliarden Euro für Infrastruktur, verteilt auf zwölf Jahre. Von den 100 Milliarden, die für Länder und Gemeinden bestimmt sind, waren Ende Juni 505 Millionen angekommen: 0,5 Prozent. Die Kommunen melden unterdes ein Rekorddefizit von fast 32 Milliarden. Paradox könnte man formulieren: Wir haben Geld, das nicht abfließt, und Gas, das nicht zufließt.
Es wäre bequem, darin schlichte Unfähigkeit zu sehen. Aber das trifft es nicht. Das Geld fließt erst, wenn eine Rechnung fällig wird; die Rechnung wird erst fällig, wenn gebaut ist; gebaut wird erst, wenn geplant, ausgeschrieben und genehmigt wurde. Der Engpass ist nicht die Kasse, sondern das Planungsamt, der Bauhof, die Firma, die den Auftrag gern annähme und die Leute dafür nicht hat.
Womit ich bei der größten Reserve bin, die dieses Land je besessen hat. Fast 20 Millionen Menschen gehören zu den geburtenstarken Jahrgängen von 1954 bis 1969. Sie haben die Einheit bezahlt, die Rentenkasse gefüllt, die Ämter besetzt. Jetzt gehen sie. Jahr für Jahr erreichen etwa 1,3 Millionen das Rentenalter, während 800.000 Junge nachrücken. Die Differenz von einer halben Million ist die Stufenhöhe einer Treppe, die bis 2036 hinabführt. Am Ende stehen dem Arbeitsmarkt statt 55 noch gut 51 Millionen Menschen zur Verfügung. Noch 2024 hatte man ein Wachstum auf 85 Millionen Einwohner erwartet. Auch diese Annahme erwies sich als etwas voreilig: 2025 ist die Bevölkerung zum erstenmal seit langem geschrumpft.
Man hat diese Zahlen seit Jahrzehnten gekannt. Das ist das eigentlich Bemerkenswerte.
Schließlich die Politik. Am sechsten September erreichte die AfD in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent. Zwei Wochen später scheiterte die CDU in Mecklenburg-Vorpommern mit 4,9 Prozent an der Sperrklausel, zum erstenmal in der Geschichte der Bundesrepublik. In Berlin wurde die Linke mit 25,7 Prozent stärkste Kraft; die SPD kam auf zwölf. Bundesweit sieht die jüngste Umfrage Union und SPD zusammen bei 33 Prozent. 1976 hatten beide zusammen 91.
Am Montag nach der Wahl trat der Kanzler in der Parteizentrale vor die Presse. Er brauchte drei Anläufe, ehe man ihn hören konnte; die Tontechnik versagte. Dann sprach er von einer tiefen Zäsur. Widerspruch gab es nicht.
Ich habe versucht, mir über diese vier Reihen klarzuwerden, und bin an etwas Unscheinbarem hängengeblieben: an der Grammatik. Man lese die Mitteilungen der letzten Monate in ihrem kühlen, amtlichen Ton. Die Mittel sind nicht abgeflossen. Die Speicher haben sich nicht ausreichend gefüllt. Die Babyboomer gehen in Rente. Die Mitte erodiert. In diesen Sätzen geschieht etwas, und niemand handelt. Das Land erscheint in ihnen als Objekt einer Wirkung, nicht als ihr Urheber: Es gerät in eine Krise, es erleidet einen Schock, es wird von Entwicklungen erfasst.
Mir scheint, diese Grammatik ist wirksamer als jede Ausrede. Sie entlastet, ohne dass jemand lügen müsste. Aber sie hat ihren Preis. Wer von sich im Passiv spricht, wird auf die Dauer im Passiv regiert.
Dass es anders geht, ist belegt. 2022 wurde in Wilhelmshaven ein Flüssiggasterminal in weniger als 200 Tagen betriebsbereit gemacht. Nach dem Drohnenfund am Flughafen Leipzig/Halle im August vergingen sechs Tage, bis die Drohnenabwehr der Bundespolizei auf 300 Spezialkräfte an acht Standorten aufgestockt war. Das ifo-Geschäftsklima ist heute zum fünftenmal in Folge gestiegen und steht so hoch wie seit über drei Jahren nicht. Dieses Land kann handeln. Es tut es nur ungern, bevor es muss.
Und eine Reserve füllt sich. In Sachsen-Anhalt gingen 77,8 Prozent zur Wahl, fünf Jahre zuvor waren es 60. In Mecklenburg-Vorpommern stieg die Beteiligung von knapp 71 auf 78 Prozent. Die Bürger sind nicht gleichgültig geworden, sondern ungeduldig. Gleichgültigkeit wäre das Ende einer Demokratie; Ungeduld ist eine Forderung an sie. Wer diese Forderung nur als Wut liest und sich vor ihr verschanzt, verschenkt die einzige Reserve, die derzeit wächst.
Das ist keine deutsche Besonderheit, nur ihre deutlichste Ausprägung. Der Preisabstand beim Gas trifft den ganzen Kontinent; in Brüssel verhandeln die Europaminister in diesen Tagen über den Finanzrahmen bis 2034. Auch das ist, genau besehen, eine Verhandlung über Reserven.
Für den kommenden Winter sehe ich drei Verläufe.
Der erste: Der Winter ist mild, die Speicher reichen, die Koalition einigt sich am siebten Oktober auf einen Kompromiss, der niemanden schmerzt und wenig ändert. Man atmet auf. Das ist, fürchte ich, der wahrscheinlichste Verlauf. Er ist zugleich der gefährlichste, weil er nichts lehrt.
Der zweite: Der Winter wird kalt wie 2010, im Golf wird weiter gekämpft, und an einem der Umspannwerke, an denen man in diesen Wochen Sprengvorrichtungen gefunden hat, geht es weniger glimpflich aus. Dann fehlen im Januar und Februar Gasmengen. Eine erschöpfte, misstrauische Mitte muss dann eine Knappheit verwalten, die sie selbst mitverursacht hat. Das ist nicht wahrscheinlich. Aber es ist möglich, und Reserven sind gerade für das Mögliche da.
Der dritte: Man nimmt die Lage als das, was sie ist, als eine Belastungsprobe, die man sich nicht ausgesucht hat und die man bestehen kann. Man behandelt das Planungsamt mit derselben Dringlichkeit wie 2022 das Terminal. Man sagt den Älteren, was sie ohnehin wissen, und den Jüngeren, was man ihnen schuldet. Man spricht, mit einem Wort, wieder im Aktiv.
Ich weiß nicht, welcher Verlauf eintreten wird. Vielleicht überschätze ich die Dringlichkeit; die Speicherbetreiber sind ruhiger als ich. Was ich im Land wahrnehme, ist keine Panik. Eher eine Art Ermüdung, die sich für Gelassenheit hält. Aber ich bin ziemlich sicher, dass die Frage nicht lautet, ob Deutschland die Mittel hat. Es hat sie. Die Frage ist, ob es sich noch als Subjekt seiner eigenen Sätze begreift.
Der Speicher steht, während ich dies schreibe, bei 57 Prozent. Bis zum ersten November sind es 38 Tage.