Aufzeichnungen

Notizen zur Lage des Landes

Umwandlungsstopp

Am Dienstag hat das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam seine jährliche Bevölkerungsbefragung vorgelegt. 87 Prozent der Deutschen vertrauen der Bundeswehr, so viele wie selten zuvor; nur der Polizei vertrauen sie mehr. 94 Prozent wollen, dass sie das Land gegen einen Angriff verteidigt. Selbst mit der Waffe verteidigen würden es 35 Prozent. Ich habe die beiden Zahlen nebeneinander notiert. Dazwischen liegen 59 Punkte.

Man könnte darin Heuchelei sehen. Mir scheint es eher ein Vertrag, den niemand unterschrieben hat und an den sich doch alle halten. Die Bürger zahlen; eine Minderheit dient; die Mehrheit vertraut darauf, dass es die Minderheit gibt. Vertrauen ist, genau besehen, eine Form der Stellvertretung. Es erspart die eigene Anstrengung.

Die Woche hat die Bedingungen dieses Vertrages ungewöhnlich deutlich sichtbar gemacht. Am neunten September beriet der Bundestag den Wehretat für 2027: 139,6 Milliarden Euro, 31 Milliarden mehr als in diesem Jahr, so viel wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht. 60 Milliarden sind für Beschaffung vorgesehen. Für Kasernen und Unterkünfte steigen die Mittel von elfeinhalb auf über neunzehn Milliarden. Der Minister sagte, ohne Sicherheit sei alles andere nichts. Die Opposition nannte den Etat wahlweise skandalös, planlos oder auf Pump finanziert. Die Mittel werden trotzdem kommen.

Wenige Tage später meldete das Ministerium den Personalstand zum 31. August. 186.356 aktive Soldatinnen und Soldaten, 4000 mehr als vor einem Jahr. 53.000 Bewerbungen, ein Viertel mehr als im Vorjahr. Das Ministerium sieht die Streitkräfte auf dem gesetzlichen Aufwuchspfad. Das ist, soweit ich es beurteilen kann, zutreffend. Aber der Pfad ist lang.

Ich rechne: Bis 2035 sollen es zwischen 255.000 und 270.000 sein. Von heute aus fehlen, am unteren Rand des Korridors, fast 70.000. Bei 4000 im Jahr erreichte man das Ziel nicht 2035, sondern um 2043. Die Rechnung ist ungerecht; sie unterstellt, dass nichts schneller wird, und das Ministerium rechnet mit einem kräftigen Zuwachs bis Dezember. Aber sie zeigt die Größenordnung. Man verlangt nicht eine Verbesserung, sondern eine Verdoppelung des Tempos.

Seit Januar gilt der neue Wehrdienst. Jeder junge Mann des Jahrgangs 2008 erhält einen Fragebogen und muss ihn beantworten; Frauen dürfen. Bis Ende August wurden gut 451.000 Schreiben verschickt. 96 Prozent der Männer antworteten, die Pflicht wirkt. Von den Frauen antworteten dreieinhalb Prozent. Etwa 3400 Bewerber durchliefen bis dahin ein Auswahlverfahren; eingeplant wurden 1155. Knapp 1000 junge Männer hat die Bundeswehr seit Juli gemustert, obwohl sie angegeben hatten, kein Interesse zu haben. Man will wissen, wen man hätte, wenn man ihn bräuchte.

Eine Zahl aus dem zweiten Quartal ist dabei in der allgemeinen Aufmerksamkeit fast untergegangen. Von 1490 Freiwilligen, die sich zur Eignungsprüfung stellten, wurden 359 als untauglich eingestuft: 31 Prozent. Es handelt sich wohlgemerkt um Freiwillige, also um jene, die sich selbst für geeignet hielten.

Ich will mit dieser Zahl vorsichtig sein. Tauglichkeit ist kein Naturmaß, sondern auch eine Frage des Bedarfs. 1990 wurden zwölf Prozent eines Jahrgangs ausgemustert; 2005 waren es mehr als 40, weil die Armee kleiner wurde und weniger Rekruten brauchte. Die Kriterien wanderten mit dem Bedarf. Das gilt heute in umgekehrter Richtung; man wird die Maßstäbe prüfen, vielleicht lockern. Aber eine Einsicht bleibt, und sie reicht über die Bundeswehr hinaus: Die körperliche Verfassung einer Generation ist keine Privatsache. Sie ist eine Reserve wie jede andere. Man bemerkt sie erst, wenn man sie abruft.

Ich habe vor einigen Wochen eine ehemalige Kaserne am Rand einer mittelgroßen Stadt im Westen besichtigt. Sie wurde in den späten Neunzigern aufgegeben und später in ein Wohnquartier verwandelt. Die Mannschaftsgebäude stehen noch: drei Geschosse, verputzter Mauerwerksbau, jeweils etwa 60 Meter lang, die Fenster in gleichmäßigen Achsen. Wo die Stuben waren, sind jetzt Zweizimmerwohnungen. Der Exerzierplatz ist ein Spielplatz geworden, das Wachgebäude ein Kindergarten. An der Einfahrt erinnert eine kleine Tafel an das Bataillon, das hier lag. Man hat sorgfältig gearbeitet; es ist ein freundlicher, ruhiger Ort.

Im Herbst 2025 hat das Verteidigungsministerium für 187 solcher ehemaligen Liegenschaften einen Umwandlungsstopp verhängt. Wo noch nichts verkauft oder überbaut ist, soll nichts mehr verkauft oder überbaut werden. Bis Ende dieses Jahres werden die Flächen vor Ort begutachtet; acht Standorte, darunter Boostedt, Cuxhaven, Sigmaringen und Soest, sind für eine Rückkehr der Truppe vorgesehen. Das Wort hat einen kühlen, amtlichen Klang. Aber es beschreibt einen Vorgang von einigem Gewicht. Eine Generation lang galt als Fortschritt, Schwerter zu Wohnungen zu machen. Nun geht die Bewegung in die andere Richtung, und die Behörden nennen es Stopp.

Man sollte sich vergegenwärtigen, wie groß das Polster war, von dem das Land zehrte. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag erlaubte dem vereinten Deutschland 1990 eine Armee von 370.000 Mann. Die Bundeswehr lag später weit darunter, heute bei der Hälfte. Die Wehrpflicht wurde am ersten Juli 2011 ausgesetzt, nicht abgeschafft; man legte sie, wie man ein Möbelstück auf den Dachboden trägt, von dem man nicht weiß, ob man es noch einmal braucht. Die Friedensdividende war real. Sie hat Schulen, Renten und Steuersenkungen finanziert, und niemand, der die Jahre nach 1990 erlebt hat, wird bestreiten, dass sie ein Glück war. Aber eine Dividende ist kein Vermögen. Sie wurde ausgeschüttet, nicht angelegt.

Der Blick auf die Nachbarn relativiert manches, in beide Richtungen. Polen, mit weniger als halb so vielen Einwohnern, unterhält rund 210.000 Soldaten, mehr als Deutschland, und strebt eine halbe Million an. Das ist die Rechnung eines Landes, das seine Geographie nicht vergessen kann. Schweden hat die Wehrpflicht 2017 wieder aufgenommen; in der Praxis wählt es beinahe nur unter denen aus, die dienen wollen. In diesem Jahr lud es gut 30.000 Jugendliche des Jahrgangs 2008 zur Musterung; etwa 10.000 der Geeignetsten werden ausgewählt. Der Dienst gilt dort nicht als Last, sondern als Auszeichnung, und er zählt bei Arbeitgebern. Man hat den Zwang nicht abgeschafft, sondern überflüssig gemacht. Das deutsche Modell folgt, mit einiger Verspätung, diesem Vorbild. Ob es dieselbe Wirkung entfaltet, hängt weniger vom Gesetz ab als von dem Ansehen, das der Dienst im Land genießt.

Und hier stößt man wieder auf die Potsdamer Zahlen. Von den Männern würden 53 Prozent das Land mit der Waffe verteidigen, von den Frauen fünfzehn. Die Kluft ist groß; sie erklärt die dreieinhalb Prozent Rücklauf. Aber sie verdeckt eine andere Zahl. 49 Prozent der Befragten könnten sich vorstellen, im Zivilschutz mitzuwirken. Bei den Männern wie bei den Frauen ist die Bereitschaft, zu helfen, weit größer als die Bereitschaft, zu schießen. Eine Verteidigung besteht nicht nur aus Soldaten. Sie besteht aus Sanitätern, Fahrern, Technikern, aus Menschen, die ein Umspannwerk wieder in Gang bringen oder einen Keller als Schutzraum herrichten. Diese Reserve ist da. Es fragt nur niemand nach ihr, jedenfalls nicht mit einem Fragebogen.

Mir scheint, dass hier die eigentliche Aufgabe liegt, und sie ist nicht militärisch. Ein Land, das seine Sicherheit an eine Berufsarmee delegiert hat, muss nicht vor allem mehr Geld ausgeben; das tut es bereits. Es muss wieder lernen, dass Sicherheit eine Leistung ist, an der man beteiligt ist, nicht eine Dienstleistung, die man bezieht. Das gilt für den Achtzehnjährigen, der den Fragebogen ausfüllt, ebenso wie für seine Eltern, die in der Befragung zustimmen und am Küchentisch abraten.

Beim Verlassen jener Kaserne sprach ich einen älteren Mann an, der vor dem ehemaligen Wachgebäude auf seine Enkelin wartete. Er habe hier 1975 seinen Grundwehrdienst geleistet, sagte er, fünfzehn Monate. Ich fragte, ob er es seinem Enkel empfehlen würde. Er dachte eine Weile nach. «Die Kaserne gibt es ja nicht mehr», sagte er. Dann kam das Mädchen aus dem Kindergarten, und er nahm es an der Hand.

Ich will nicht schwarzsehen. Das Vertrauen in die Streitkräfte ist so hoch wie lange nicht; die Bewerbungen steigen; die Mittel sind bewilligt; das Land hat, anders als in früheren Jahrzehnten, eine offene Debatte über seine Verteidigung geführt, ohne daran zu zerbrechen. Das ist mehr, als man vor fünf Jahren für möglich gehalten hätte. Aber Geld kauft Panzer, keine Besatzungen; Gesetze verschicken Fragebögen, keine Überzeugungen. Der Umwandlungsstopp für Kasernen ist beschlossen. Über den für Überzeugungen hat noch niemand entschieden.

Die Musterungszentren sollen bis Juli 2027 bundesweit arbeiten, 24 an der Zahl. Dann wird der Jahrgang 2009 achtzehn. Geboren wurden in jenem Jahr rund 665.000 Kinder. 1964, im stärksten Jahrgang, den dieses Land je hatte, waren es mehr als doppelt so viele.