Freitag, 25. September 2026 · Seite 2
1,44 Millionen Dateien
In diesen Tagen vollzieht sich in Berlin ein Vorgang, dessen Ausmaß man kaum ermessen kann. 1,44 Millionen Dateien der Verwaltung sind im Darknet veröffentlicht worden, insgesamt 5,8 Terabyte. Die Hackergruppe hatte 30 Bitcoin gefordert, umgerechnet rund zwei Millionen Euro; der Senat hat die Zahlung verweigert. Nun zirkulieren Ausweiskopien, Gehaltsabrechnungen und Adressregister in einem Raum, den der Staat schlechterdings nicht kontrolliert.
Am Freitag der Vorwoche fand man nahe dem niedersächsischen Militärflughafen Wunstorf die Trümmer einer Drohne. Sie ähneln jenen Bauteilen, die im August nach dem Vorfall in Leipzig gesichert wurden. Die Bundesanwaltschaft prüft die Zusammenhänge; gemeinhin vermutet man den russischen Militärgeheimdienst hinter den Aktionen. Auf den ersten Blick sind das zwei völlig verschiedene Sphären: die eine physisch, die andere digital. Doch beide Vorfälle offenbaren dasselbe. Sie messen die Durchlässigkeit der Grenzen.
Ich habe mir angewöhnt, die Architektur eines Staates wie ein Gebäude zu betrachten. Eine Behörde war einmal ein gebauter Raum, gesichert durch Portiers, fensterlose Aktenkeller und Stahltüren. Wer die Daten der Bürger einsehen wollte, musste an ihnen vorbei; man konnte die Sicherheit abschreiten und berühren. Heute ist das Archiv unsichtbar. Man hat die Wachen durch Passwörter ersetzt und die Mauern durch Code. Man hielt das für billiger und effizienter. Vor allem aber war es verletzlicher.
Die Summe des geforderten Lösegeldes ist aufschlussreich: zwei Millionen Euro. Für den Haushalt eines Landes ist das ein Betrag, der kaum ins Gewicht fällt. Dennoch zahlt man nicht an Erpresser; das ist ein rechtsstaatlicher Grundsatz, und er leuchtet ein. Die Konsequenzen dieser Haltung tragen nun allerdings jene, deren Daten offengelegt wurden. Verbraucherkanzleien rufen bereits massenhaft dazu auf, das Land Berlin auf immateriellen Schadensersatz zu verklagen. Paradox könnte man formulieren: Der Staat spart das Lösegeld und bezahlt stattdessen die Anwälte.
Gestern legten die führenden Wirtschaftsinstitute ihre Herbstprognose vor. Sie verdoppelten die Erwartung für das Wachstum in diesem Jahr auf 1,3 Prozent; die deutsche Wirtschaft zeige sich robuster als im Frühjahr gedacht. Diese Zahlen beruhigen. Doch sie verdecken eine Asymmetrie, die in keiner Bilanz steht. Ein Land, das weltweit Industriegüter absetzt, aber seine innersten Register nicht schützen kann, baut auf einem Fundament, das es selbst nicht mehr überschaut.
Man lese die Stellungnahmen der Behörden in ihrem kühlen, sachlichen Ton. Die Daten seien entwendet worden. Eine Zahlung habe man ausgeschlossen. Die Bürger seien nun zur Wachsamkeit aufgerufen. Die deutsche Verwaltung besitzt eine bemerkenswerte Routine darin, Verantwortung ins Passiv zu überführen. Der Staat tritt in diesen Sätzen nicht als schützende Macht auf, sondern als Mitbetroffener. Er erliegt einem Angriff, er verweist auf Zuständigkeiten, er bedauert. Was am Ende bleibt, ist keine Verzweiflung, sondern eher eine Art amtliche Versandung.
Ich rechne: 5,8 Terabyte sind eine abstrakte Größe. Auf Papier gedruckt, füllten sie ein Gebäude mit Regalen, Gang für Gang, vom Keller bis unter das Dach. Diese Papiere sind nicht verloren gegangen; sie sind nur nicht mehr exklusiv. Sie gehören nun jedem, der sie kopiert.
Die Drohne in Wunstorf und der Datenabfluss in Berlin haben, wenn ich mich nicht täusche, dieselbe Funktion. Sie dienen als Sonden. Sie prüfen, wo das Material nachgibt und wie die Gesellschaft reagiert. Auf die Drohne antwortet man mit polizeilichen Ermittlungen; auf den Hack antwortet man mit Formularen für den Datenschutz. Mir scheint, man hat die Natur des Angriffs kaum verstanden. Man verteidigt sich wie ein Beamter, der einen Aktenvermerk schreibt, während das Archiv bereits brennt.
Sicherheit galt lange als eine Frage der Geographie. Doch die Front verläuft nicht mehr am Rand des Landes, sondern durch die Server seiner Meldestellen. Man gewöhnt sich an den Verlust der Privatheit; das ist das Beunruhigende.
Die Frist der Erpresser ist abgelaufen. Der Schaden bleibt.