Aufzeichnungen

Notizen zur Lage des Landes

Tropennacht

Gestern früh, um halb zehn, begann in der Hamburger Hafencity der Extremwetterkongress. Der Deutsche Wetterdienst zog dort Bilanz eines Sommers, den man bereits zu vergessen beginnt. Am 27. Juni wurden in Möckern-Drewitz, unweit von Magdeburg, 41,8 Grad gemessen, so viel wie nie zuvor in Deutschland. An einem einzigen Wochenende lagen 54 Stationen über 40 Grad; zwischen 1983 und 2020 war das im ganzen Land 40-mal vorgekommen. Das Robert Koch-Institut schätzt die Zahl der Menschen, die zwischen April und Ende August an der Hitze gestorben sind, auf 16.300. Die Zahl wurde in den Abendnachrichten erwähnt, zwischen der Vollversammlung in New York und einem Drohnenalarm am Berliner Flughafen. Dann kam das Wetter.

Ich habe die Zahl neben andere gelegt. Im selben Zeitraum des Vorjahres waren es 1620, im Jahr davor 1210. Auf den deutschen Straßen starben 2025 insgesamt 2832 Menschen. Allein in der letzten Juniwoche, als die Hitze ihren Höhepunkt erreichte, starben nach der Schätzung des Instituts 9600 Menschen an ihr: mehr als im Straßenverkehr in drei Jahren. Die Flut an Ahr und Erft hatte 2021 in Deutschland über 180 Menschenleben gekostet. Es folgten Untersuchungsausschüsse, Rücktritte, ein Aufbaufonds von 30 Milliarden. Dieser Sommer hat, grob gerechnet, 90-mal so viele Tote gefordert. Es folgt ein Aktionsplan mit 72 Maßnahmen, der im Sommer 2027 fertig sein soll.

Man muss sich fragen, woher diese Ungleichheit der Aufmerksamkeit rührt. Mir scheint, sie hat eine einfache, beinahe technische Ursache: Die Hitze hinterlässt keine Bilder. Kein Haus stürzt ein, keine Brücke reißt ab. Auf den Totenscheinen steht Herzversagen, Nierenversagen, Lungenentzündung; die Hitze selbst steht dort fast nie. Das Institut muss sie errechnen, als Abstand zwischen den Sterbefällen, die man erwartet hätte, und denen, die eingetreten sind. «Wir beobachten an heißen Tagen deutlich höhere Sterbezahlen als üblich», sagt Matthias an der Heiden, der die Berechnungen verantwortet, «vor allem bei älteren Menschen.» Eine Katastrophe, die nur in einer Regressionsrechnung erscheint, ist für das öffentliche Bewusstsein keine. Sie bleibt eine Statistik.

Aber ist das Urteil gerecht? Die meisten Toten waren alt. 8200 von ihnen waren über 85, nur 1520 jünger als 65. Man hört gelegentlich, halb ausgesprochen, den Einwand, diese Menschen wären ohnehin bald gestorben; die Hitze habe den Tod nur um einige Tage vorgezogen. Die Epidemiologen nennen das den Ernteeffekt: Nach einer Hitzewelle müsste die Sterblichkeit für eine Weile unter das Normale sinken, weil die Schwächsten schon fehlen. Alexandra Schneider vom Helmholtz-Zentrum in München hat danach gesucht. Der Effekt blieb in nennenswertem Umfang aus. Viele der Verstorbenen, folgert sie, hätten noch Monate oder Jahre leben können. Der Einwand ist damit nicht widerlegt, aber er ist erheblich schwächer geworden.

Was tötet, ist nicht der heißeste Nachmittag, sondern die Nacht danach. In Kubschütz in der Oberlausitz sank die Temperatur in einer Nacht Ende Juni nicht unter 29,4 Grad, ein Wert ohne Beispiel in Deutschland. Der Körper, sagt der Freiburger Klimatologe Andreas Matzarakis, brauche die Abkühlung der Nacht, um sich zu erholen; bleibt sie über mehrere Tage aus, summiert sich die Belastung. Wer das nachvollziehen will, muss sich eine Dachwohnung vergegenwärtigen, wie es sie in jeder deutschen Stadt zu Hunderttausenden gibt: Ziegel auf Lattung, darunter die Sparren, dazwischen, wenn es gut geht, 14 Zentimeter Mineralwolle, innen eine Gipskartonplatte. Eine solche Konstruktion hält im Winter die Wärme leidlich im Haus. Im Sommer hält sie sie ebenso zuverlässig darin fest. Gegen Mitternacht ist es in einer Dachwohnung oft wärmer als draußen auf der Straße.

Ende Juni besuchte ich eine Bekannte, 84 Jahre alt, vierter Stock, unter dem Dach. Das Thermometer im Flur zeigte um elf Uhr abends 33 Grad. Sie saß im Sessel, eine Flasche Wasser neben sich, ungeöffnet. Ich schlug vor, für ein paar Tage zu ihrer Tochter zu fahren, die im Erdgeschoss eines Altbaus wohnt. «Ich will niemandem zur Last fallen», sagte sie. Sie hat den Sommer überstanden. Das Thermometer hängt noch.

Dass die Toten nicht gleichmäßig verteilt sind, ergibt sich daraus beinahe von selbst. Sie starben in Dachwohnungen, in Pflegeheimen, in Krankenhauszimmern, allein. Martin Röösli vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut weist darauf hin, dass weniger privilegierte Menschen besonders betroffen seien: jene in schlecht gedämmten Wohnungen, jene, die im Freien arbeiten. Am 27. Juni musste in Dormagen eine Seniorenresidenz geräumt werden. In den Zimmern herrschten über 35 Grad; 167 Bewohner wurden verlegt, sechzehn ins Krankenhaus gebracht. Unter den neu errichteten Gebäuden des Sozialwesens ist nur jedes siebte mit einer Kühlung ausgestattet, unter den Bürogebäuden mehr als jedes dritte. Für den Arbeitsplatz schreibt eine Regel vor, dass der Arbeitgeber ab 26 Grad Maßnahmen ergreifen soll und ab 30 Grad ergreifen muss. Für das Zimmer eines Pflegebedürftigen gibt es keine solche Grenze. In Deutschland ist, so könnte man zuspitzen, der Schreibtisch besser vor der Hitze geschützt als das Pflegebett.

Ich will damit niemandem Böswilligkeit unterstellen. Die Regel für den Arbeitsplatz entstand, weil es Arbeitnehmer gibt, Gewerkschaften und Berufsgenossenschaften, die auf sie drangen. Die Hochbetagten haben keine Gewerkschaft. Sie haben Angehörige, die oft weit weg wohnen, und Pflegekräfte, die zu wenige sind. Eine Klimaanlage für ein modernes Pflegeheim kostet, auch in Teilen, rund 300.000 Euro. Die Heime sagen, sie könnten das nicht tragen; auf die Bewohner umlegen könne man es nicht. Die Krankenhausgesellschaft beziffert den Bedarf für die Anpassung ihrer Häuser auf mindestens 31 Milliarden. Wer zahlt, ist offen.

Offen ist es nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Verfassungsgründen. Den Hitzeschutz tragen bisher die Kommunen, und zwar freiwillig. Über 2500 von ihnen haben ein Klimaschutzkonzept beschlossen; einen Hitzeaktionsplan haben nur wenige. Der Bundesrechnungshof hat die bisherigen Förderprogramme des Bundes als zersplittert bemängelt, und, schlimmer, als Überschreitung seiner Zuständigkeit. Die Bundesregierung will deshalb das Grundgesetz ändern und den Hitzeschutz zu einer Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern erheben, der dritten ihrer Art. Das ist vernünftig. Aber eine Verfassungsänderung ist in Deutschland nicht die schnellste Form der Abkühlung.

Dass es einfacher geht, zeigt ein Nachbar. Im August 2003 starben in Frankreich etwa 14.800 Menschen mehr als erwartet, viele von ihnen allein in ihren Wohnungen, während die Familien in den Ferien waren. Die Kühlhallen des Pariser Großmarkts dienten damals als Leichenhallen. Das Land hat daraus eine Verwaltungsroutine gemacht. Seit 2004 gibt es den Plan Canicule, und jeder Bürgermeister ist verpflichtet, ein Verzeichnis gefährdeter Menschen zu führen, in das sich Alte und Kranke eintragen lassen können. Wird Hitze angekündigt, ruft jemand aus dem Rathaus an. Ein Telefon, eine Liste, ein Name. Die Hitzewelle im Juni dieses Jahres übertraf in Frankreich die Intensität von 2003. Santé publique France zählte in ihr 5764 zusätzliche Todesfälle, für den ganzen Sommer knapp 8000.

Man muss mit dem Vergleich vorsichtig sein. Die Franzosen zählen Übersterblichkeit während der Hitzewellen, das Robert Koch-Institut schätzt hitzebedingte Sterbefälle über den ganzen Sommer; die Methoden sind nicht dieselben, und Deutschland hat 15 Millionen Einwohner mehr. Auch in Frankreich stiegen in diesem Juni die Sterbefälle in den Wohnungen um rund 40 Prozent. Kein Plan schützt vollständig. Aber ein Land, das 2003 doppelt so viele Hitzetote hatte wie Deutschland, hatte in diesem Sommer nur halb so viele. Das lässt sich schwerlich allein mit der Methodik erklären.

Ich will nicht schwarzsehen, und die Daten geben dazu auch nicht vollständig Anlass. Frau Schneider hat festgestellt, dass die Gesellschaft gelernt hat, sich gegen mäßige Hitze zu schützen, gegen Tage mit 28 bis 32 Grad; dort ist die Sterblichkeit in den letzten Jahrzehnten gesunken. Erst die Extreme um 40 Grad legten die Verwundbarkeit bloß. Zudem ist die Hitze, unter allen Katastrophen, die pünktlichste. Sie kündigt sich Tage im Voraus an; der Wetterdienst warnt, die Karte färbt sich violett. Kein Hochwasser, kein Erdbeben lässt so viel Zeit. Und das Wirksamste, was man dann tun kann, ist billig: anrufen, Wasser hinstellen, einen kühleren Raum öffnen, die Medikamente prüfen. Von den Pflegeheimen, die dazu befragt wurden, hatten nur 56 Prozent die Medikation ihrer Bewohner überprüft, und nur 26 Prozent hatten Bewohner in kühlere Räume gebracht. Es fehlt nicht an Wissen. Es fehlt an Übung.

Man sollte sich über die Größenordnung keine Illusionen machen. Tobias Fuchs vom Wetterdienst sagte in Hamburg, dieser Sommer werde in 30 Jahren vermutlich als normal gelten. Deutschland hat sich seit 1881 um etwa 2,5 Grad erwärmt, doppelt so stark wie der globale Durchschnitt. In denselben 30 Jahren werden die geburtenstarken Jahrgänge, von denen ich hier vor einigen Tagen geschrieben habe, 85 und älter: genau jene Altersgruppe, die in diesem Sommer die Hälfte der Toten stellte. Zwei Kurven laufen aufeinander zu, die eine meteorologisch, die andere demographisch. Wo sie sich kreuzen, liegt keine Zukunftsfrage, sondern eine Rechenaufgabe. Greenpeace hat die Kosten dieses Sommers, einschließlich der Ernteausfälle, der Waldschäden und des Niedrigwassers auf dem Rhein, vorläufig auf 36 bis 42 Milliarden Euro geschätzt. Man mag die Zahl für hoch gegriffen halten. Aber selbst die Hälfte wäre mehr, als die Anpassung aller Pflegeheime kosten würde.

Mojib Latif bemerkte auf dem Kongress, das öffentliche Interesse am Klimawandel nehme ab, während seine Folgen zunähmen. Ich halte das für zutreffend, und ich halte es nicht einmal für unverständlich. Über die Ursachen der Erwärmung wird in Europa seit 30 Jahren gestritten, und die Menschen sind des Streites müde. Aber der Schutz einer alten Frau im vierten Stock ist keine Frage der Klimapolitik. Man muss über die Ursachen nicht einig sein, um ihr eine Flasche Wasser zu öffnen.

Die Hitze misst, genau besehen, nicht nur die Temperatur. Sie misst, wer allein ist. Ein Land, dessen Bewohner älter werden und häufiger allein leben, wird verwundbar nicht in erster Linie durch das Wetter, sondern durch die Zahl der Türen, an die niemand klopft. Das lässt sich nicht per Grundgesetz regeln. Vielleicht ist es gerade deshalb die eigentliche Aufgabe.

Der nationale Hitzeaktionsplan soll im Sommer 2027 fertig werden, also im Laufe jener Jahreszeit, für die er gedacht ist. Bis zum ersten Juni sind es 250 Tage.