Freitag, 25. September 2026 · Seite 5
Lehrjahre
Am Mittwoch hat das Stellenportal Indeed eine Auswertung veröffentlicht, die ich zweimal gelesen habe. Untersucht wurden Anzeigen für Berufseinsteiger, kenntlich an Wörtern wie Junior, Trainee oder Absolvent. Im Juli 2022 lag ihre Zahl 75 Prozent über dem Stand von 2019. Im Juli dieses Jahres lag sie 46 Prozent darunter. Der Arbeitsmarkt insgesamt steht noch immer acht Prozent über 2019. In der Softwareentwicklung wurden 77 Prozent weniger Einstiegsstellen ausgeschrieben als vor sieben Jahren, im Marketing 75, im Projektmanagement 60. Von 28 Berufsgruppen wuchsen zwei: das Gesundheitswesen und die Gastronomie. «Wer heute ins Berufsleben startet», sagt die Ökonomin Virginia Sondergeld, «hat nur noch gut halb so viele Stellen zur Auswahl wie vor wenigen Jahren.»
Man ist versucht, den Schuldigen sofort zu benennen. Die Verfasserin tut es nicht. Ein Effekt der künstlichen Intelligenz lasse sich aus den Daten noch nicht nachweisen; die Berufe, die heute am stärksten leiden, begannen sich schon im Frühjahr 2022 von den übrigen zu lösen, ein halbes Jahr bevor ChatGPT erschien. In einer Umfrage des Portals Stepstone nannten nur siebzehn Prozent der Unternehmen die Automatisierung als Grund, weniger Anfänger einzustellen. 44 Prozent nannten die Kosten, 37 Prozent gestiegene Ansprüche an die Erfahrung. Die schwache Konjunktur, die Zinsen, das Ende des Booms nach der Pandemie: Das reicht als Erklärung beinahe aus.
Beinahe. Aber eine Zahl fügt sich nicht. In Berufen, deren Aufgaben zu mehr als 60 Prozent von einer Maschine erledigt oder unterstützt werden können, gibt es heute nur noch etwa halb so viele Einstiegsstellen wie 2019. Wo der Anteil unter 40 Prozent liegt, sind es so viele wie damals oder mehr. Das beweist nichts. Aber es ist eine Richtung. Mir scheint, man muss die Frage anders stellen. Ein Unternehmen stellt einen Anfänger nicht für das ein, was er heute kann, sondern für das, was er in drei oder fünf Jahren können wird. Wer glaubt, dass seine Arbeit bis dahin ein Programm erledigt, stellt ihn nicht ein. Ob dieser Glaube zutrifft, ist für die Entscheidung unerheblich. Es genügt, dass man ihn hat.
Ich habe mich gefragt, was ein Anfänger in einem Büro eigentlich tut. In meinem Fach war die Antwort lange eindeutig: Er zeichnet. Er zeichnet Details, die andere entworfen haben, Anschlüsse, Fugen, Treppenläufe, unzählige Male. Er macht Fehler, der Bauleiter findet sie, er zeichnet noch einmal. Nach einigen Jahren sieht er einem Plan an, ob das Gebäude stehen wird. Diese Fähigkeit hat ihm niemand beigebracht. Sie hat sich abgelagert, Schicht um Schicht, aus Arbeit, die für sich genommen gering war. Die Routine war nicht der Preis der Ausbildung. Sie war die Ausbildung.
Hier liegt, wenn ich recht sehe, die eigentliche Gefahr. Nicht dass die Maschine die Arbeit der Erfahrenen übernimmt; dafür ist sie vorerst zu unzuverlässig, und man braucht jemanden, der ihre Fehler bemerkt. Sondern dass sie die Arbeit übernimmt, an der die Erfahrenen einmal erfahren wurden. Man kann das Urteil eines Fachmanns nicht haben, ohne vorher die Lehrjahre eines Anfängers bezahlt zu haben. Die Unternehmen wissen das, zumindest abstrakt: 74 Prozent klagen, sie fänden keinen qualifizierten Nachwuchs. Zugleich schreiben sie weniger Stellen aus, an denen er sich qualifizieren könnte. Das ist kein Widerspruch der Menschen, sondern einer der Rechnung. Die Kosten des Anfängers fallen im eigenen Haus an; der Nutzen des fertigen Fachmanns vielleicht bei der Konkurrenz. Jeder handelt vernünftig. In der Summe entsteht eine Lücke, die man erst in zehn Jahren bemerken wird.
Die Gesellschaft ist unterdes nicht stehengeblieben. Zwei Drittel der Deutschen über sechzehn nutzen nach einer Erhebung des Branchenverbands Bitkom generative KI zumindest gelegentlich; im Sommer 2024 waren es 40 Prozent. Zehn Prozent der Berufstätigen tun es bei der Arbeit, ohne dass der Arbeitgeber davon weiß. Die Regeln folgen in gemessenem Abstand. Die strengsten Pflichten der europäischen KI-Verordnung, jene für Systeme mit hohem Risiko, zu denen auch die maschinelle Auswahl von Bewerbern zählt, hätten am zweiten August dieses Jahres gelten sollen. Im Juni haben Parlament und Rat sie um sechzehn Monate verschoben, auf den zweiten Dezember 2027. Ich halte die Verschiebung nicht einmal für falsch; ein Gesetz, das niemand anwenden kann, schützt niemanden. Aber festzuhalten bleibt: Die Praxis ist schneller als die Regel. Das war immer so. Nur war der Abstand selten so groß.
Und doch steht in derselben Auswertung eine Zahl, die mich ermutigt. Die Anzeigen für Ausbildungsplätze lagen im vergangenen Ausbildungsjahr im Mittel 50 Prozent über dem Stand von 2019. In der Softwareentwicklung, wo die Einstiegsstellen für Absolventen um mehr als zwei Drittel eingebrochen sind, liegen die Ausbildungsstellen 27 Prozent darüber. In 20 von 23 Berufsgruppen schneidet die Lehre besser ab als der Einstieg nach dem Studium. Man mag einwenden, die Lehre halte sich nur, weil ihre Berufe weniger betroffen seien; tatsächlich liegen nur fünfzehn Prozent der Ausbildungsstellen in Feldern, die die KI stark verändert, bei den Einstiegsstellen sind es 42. Das ist richtig. Aber es erklärt nicht die Softwareentwicklung.
Die Verfasserin nennt das Ausbildungssystem einen Anker. Ich würde weitergehen. Die duale Ausbildung ist nicht bloß ein Anker, sondern ein Prinzip: die in Verträge gegossene Einsicht, dass man ein Handwerk nur lernt, indem man es ausübt, unter Aufsicht, bezahlt, mit Fehlern, über Jahre. Dieses Land hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit einigem Eifer das Gegenteil betrieben. 2025 begannen 491.700 Menschen ein Studium; rund 476.000 schlossen einen Ausbildungsvertrag ab. Die Lehre galt gemeinhin als der Weg für jene, die es nicht an die Universität schafften. Im vergangenen Jahr waren 335.000 Akademiker arbeitslos, so viele wie nie; ihre Quote lag mit 3,3 Prozent zum erstenmal seit 2007 über der Schwelle, die man Vollbeschäftigung nennt. Sie ist noch immer niedrig. Aber die Richtung ist deutlich.
Paradox könnte man formulieren: Die älteste Einrichtung der deutschen Arbeitswelt könnte sich als ihre modernste erweisen. Nicht weil man künftig weniger studieren sollte, sondern weil die Hochschule vermittelt, was man wissen muss, und die Lehre, wie man etwas kann. Das Erste liefert die Maschine inzwischen auf Anfrage. Das Zweite nicht. Wer das Prinzip der Lehre in die Büros trüge, in Kanzleien, Agenturen und Entwicklungsabteilungen, hätte eine Antwort auf die Frage, die in den Zahlen dieser Woche steckt: woher die Fachleute kommen sollen, wenn niemand mehr Anfänger sein darf. Die Begeisterung der Personalabteilungen für diesen Gedanken dürfte sich in Grenzen halten. Er kostet Geld, und er zahlt sich erst aus, wenn der Vorstand gewechselt hat.
Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Deutschland von 5,9 Prozent im Jahr 2023 auf 7,1 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen. In Spanien liegt sie bei 24,9 Prozent, im Durchschnitt der Union bei 15,2. Man sieht an diesem Abstand, was die Ausbildung leistet, und was verloren ginge, wenn man sie für ein Überbleibsel hielte. Ein Absolvent mit Masterabschluss sucht heute im Mittel 21 Wochen nach seiner ersten Stelle.
Die Ausbildung zum Fachinformatiker dauert drei Jahre. Gemessen am Tempo der Technik ist das eine kleine Ewigkeit. Gemessen an dem, was ein Mensch braucht, um etwas wirklich zu können, ist es knapp.