Freitag, 25. September 2026 · Seite 4
Herbst 1966
Am Sonntagabend, kurz nach sechs, trat der Kanzler im Konrad-Adenauer-Haus vor eine blaue Wand. Zwei Mikrofone, die deutsche und die europäische Fahne, ein eilig hergerichteter Raum. «Das Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern können wir nicht schönreden», sagte er, «es ist ein Desaster.» Dann: «Die Reformen müssen kommen.» Das Präsidium, das er vollzählig in die Parteizentrale bestellt hatte, damit sich niemand anderswo äußere, verwarf einen Rücktritt nach allem, was man hört, rasch. Gegen acht verließen die meisten das Haus. Die meisten wortlos.
Ich habe mir das Ergebnis genauer angesehen. Die CDU erhielt im Nordosten 4,9 Prozent, 49.629 Stimmen; das Bündnis Sahra Wagenknecht, das ebenfalls scheiterte, lag nicht einmal 600 Stimmen dahinter. 1990 hatte die Partei in diesem Land mit 38 Prozent begonnen. Zum erstenmal in der Geschichte der Bundesrepublik ist sie aus einem Landtag geflogen. Zwei Wochen zuvor, in Sachsen-Anhalt, hatte sie fast 20 Punkte verloren und war auf 17,2 Prozent gefallen; die AfD erreichte dort 43,8 und gewann 38 von 41 Wahlkreisen. Eine Mehrheit ohne sie gibt es in Magdeburg nur, wenn fünf Parteien zusammengehen, von der CDU bis zum BSW. Die CDU hat die Zusammenarbeit mit der Linken per Parteitagsbeschluss ausgeschlossen. Das BSW will unterdes mit der AfD sondieren.
Die Woche hat daraus eine Frage gemacht, die das Land seit langem nicht mehr gestellt hat: ob man den Kanzler auswechseln solle. Merz sagte seine Reise nach New York ab, wo er am Mittwoch vor der Vollversammlung sprechen und einen Preis entgegennehmen sollte, der Henry Kissingers Namen trägt; seine Anwesenheit in Berlin sei erforderlich. Die acht Ministerpräsidenten der CDU stellten sich in einem Schreiben hinter ihn, in dem, wie eine Schweizer Zeitung trocken vermerkte, sein Name nicht vorkommt. Die SPD ließ wissen, die Koalition hänge nicht an seiner Person. Siebzehn Prozent der Deutschen sind nach einer Erhebung von Ipsos mit seiner Arbeit zufrieden; im Juni 2025 waren es 39. In einer anderen Umfrage sind es zehn. Fast die Hälfte der Befragten erwartet einen Wechsel bis zum Jahresende. Für den elften Oktober ist eine Klausur des Präsidiums angesetzt.
Man muss sich, um das einzuordnen, an einen anderen Herbst erinnern. Im Juli 1966 verlor die CDU die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, ihrem Stammland. Der Kanzler hieß Ludwig Erhard, er war 69 Jahre alt und ein Ökonom, der das Land für ein Unternehmen hielt, das sich durch Einsicht lenken lasse. Er appellierte an das Maßhalten. Die Konjunktur kühlte ab, der Haushalt wies eine Lücke auf, über die sich die Koalitionspartner nicht einigen konnten. Am 27. Oktober traten die Minister der FDP zurück. Im November zog die NPD mit 7,9 Prozent in den hessischen und mit 7,4 in den bayerischen Landtag ein. Am 30. November trat Erhard zurück. Am Tag darauf wählte der Bundestag Kurt Georg Kiesinger mit 340 von 496 Stimmen zum Kanzler einer Großen Koalition, die 447 Sitze besaß.
Die Ähnlichkeit ist, wie jede historische Ähnlichkeit, zum Teil eine Täuschung. Die NPD kam auf einstellige Werte, die AfD ist in zwei Ländern stärkste Kraft. Erhard stürzte über den Koalitionspartner, nicht über die eigene Partei. Aber das Muster ist erkennbar: ein Kanzler, der als Reformer angetreten war; Landtagswahlen, die als Urteil über ihn gelesen werden; ein Parteiapparat, der sich zu fragen beginnt, ob er mit ihm die nächste Wahl gewinnen kann. Nicht die Opposition entscheidet in solchen Lagen, sondern die eigenen Leute.
Paradox könnte man formulieren: Die Bundesrepublik ist deshalb so stabil, weil sie ihre Kanzler so leicht loswerden kann. Die Weimarer Republik hat in vierzehn Jahren rund 20 Reichsregierungen verbraucht, und jede Regierungskrise war dort zugleich eine Krise der Verfassung. Die Väter des Grundgesetzes haben daraus den Schluss gezogen, dass man einen Kanzler nur stürzen darf, wenn man zugleich einen neuen wählt. Artikel 67 zwingt die Unzufriedenen, sich zu einigen, bevor sie zerstören. Seither ist der Kanzlerwechsel ein geordneter, beinahe verwaltungsmäßiger Vorgang: 1963, 1966, 1974, 1982. Zehn Kanzler in 77 Jahren. Die Person ist austauschbar, und gerade darin liegt der Schutz des Systems.
Aber hier beginnt das Missverständnis. Weil der Austausch so geräuschlos gelingt, hält man ihn leicht für eine Lösung. Ich bin ziemlich sicher, dass ein Teil der Union ihn in diesen Tagen so betrachtet: als Reparatur, die man vornimmt, wenn das Gerät nicht mehr läuft. Mir scheint das eine Verwechslung von Symptom und Ursache. In Mecklenburg-Vorpommern hat die CDU nicht gegen Merz verloren, sondern zwischen zwei anderen Parteien, die den Wählern deutlicher sagten, was sie wollten. Ein neuer Name hätte daran vermutlich wenig geändert. Die Wahlbeteiligung lag bei 78,1 Prozent, so hoch wie lange nicht. Das ist kein Land, das sich abwendet. Es ist ein Land, das hinsieht und nicht findet, was es sucht.
Man vergisst leicht, was 1966 tatsächlich geholfen hat. Nicht Kiesinger, der als Person eher blass blieb und ab 1933 Mitglied der NSDAP gewesen war; man antwortete auf den Aufstieg der Rechten also mit einem Kanzler, der eine solche Vergangenheit hatte. Ein Umstand, der damals nicht auf ungeteilte Aufmerksamkeit stieß. Geholfen hat, was die Koalition in der Sache zustande brachte. Das Stabilitätsgesetz von 1967, die Finanzreform, eine Wirtschaft, die sich binnen zwei Jahren erholte. Bei der Bundestagswahl 1969 erhielt die NPD 4,3 Prozent. Sie scheiterte an 0,7 Punkten, und sie kam nie wieder in die Nähe. Der Preis dafür war hoch: eine Opposition, die im Bundestag kaum noch existierte und auf die Straße auswich. Aber die Republik hatte gezeigt, dass sie liefern konnte.
Es wäre bequem, daraus die Lehre zu ziehen, dass die Geschichte sich wiederhole und gut ausgehe. Das tut sie nicht von selbst. Die Große Koalition von 1966 verfügte über neun Zehntel der Sitze; die heutige besitzt 328 von 630, zwölf mehr, als zur Kanzlermehrheit nötig sind. Merz brauchte schon im Mai 2025 einen zweiten Wahlgang. Der Spielraum, den Kiesinger hatte, fehlt seinen möglichen Nachfolgern. Wer in dieser Lage den Kanzler wechselt, gewinnt vielleicht einige Monate Aufmerksamkeit. Er gewinnt keine Mehrheit hinzu, keine Planungsstelle, keinen Handwerker.
Ich habe mich gefragt, was ich an der Stelle der Unzufriedenen täte. Vielleicht nichts anderes als sie. Die Versuchung, einen Mann für einen Zustand verantwortlich zu machen, ist alt, und sie ist nicht einmal ganz falsch; ein Kanzler, dem neun von zehn Bürgern nicht mehr folgen, ist ein Problem, das man nicht wegreden kann. Aber es ist das kleinere. Das größere ist, dass eine Partei, die dieses Land länger regiert hat als jede andere, in einem seiner Länder auf die Stärke einer Splittergruppe geschrumpft ist, und dass sie darüber vor allem als Personalfrage spricht.
Die Bundesrepublik hat einen solchen Herbst schon einmal überstanden. Sie hat ihn nicht durch den Austausch einer Person überstanden, sondern durch drei Jahre Arbeit, die man damals für glanzlos hielt. Das ist, genau besehen, eine ermutigende Nachricht. Sie ist nur weniger bequem als die andere.
Bis zur Klausur am elften Oktober sind es sechzehn Tage. Bis zur nächsten Bundestagswahl, regulär im Frühjahr 2029, etwa 900.