Aufzeichnungen

Notizen zur Lage des Landes

Eine Stunde am Tag

Am vergangenen Donnerstag hat die Kommission in Brüssel ein Gesetz vorgelegt, das Kindern unter dreizehn Jahren soziale Netzwerke verwehrt. Dreizehn- und Vierzehnjährige sollen ein Konto erhalten, das die Eltern verwalten, mit beschränkten Funktionen und einer Nutzungszeit von höchstens einer Stunde am Tag. Endloses Scrollen, Belohnungstricks und Benachrichtigungen in der Nacht will die Kommission untersagen; beweisen, dass ihre Dienste Kindern nicht schaden, sollen künftig die Plattformen selbst. Ich habe mir die Zahl notiert. Eine Stunde.

Neun Tage zuvor, am achten September, hatte die OECD in Paris die Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie bekanntgegeben. Deutsche Fünfzehnjährige erreichten im Lesen 465 Punkte, in Mathematik 464, in den Naturwissenschaften 486: in allen drei Bereichen so wenig wie nie seit Beginn der Messungen. Ein Drittel verfehlt im Lesen die Stufe, die die OECD als Mindestmaß ansieht, nämlich den Hauptgedanken eines mittellangen Textes zu erfassen. 2022 war es ein Viertel, 2015 halb so viele wie heute. Rund ein Fünftel der Jugendlichen besitzt in keinem der drei Bereiche ausreichende Grundlagen.

Man vergisst leicht, wovon dieses Land einmal erschüttert wurde. Bei der ersten Studie, deren Ergebnisse im Dezember 2001 erschienen, hatten deutsche Schüler im Lesen 484 Punkte erreicht. Es folgte ein Schock, der Jahre anhielt, und er war produktiv. Noch im selben Monat beschlossen die Kultusminister sieben Handlungsfelder, das erste davon die Sprachförderung schon vor der Schule; es kamen Bildungsstandards, Vergleichsarbeiten, Ganztagsschulen. 2012 stand Deutschland bei 508 Punkten, 2015 bei 509. Der Aufstieg hatte fünfzehn Jahre gedauert; der Abstieg dauerte zehn. Heute liegen wir neunzehn Punkte unter dem Wert, der damals als nationale Blamage galt.

Die Erklärungen lagen bereit, noch ehe die Zahlen erschienen waren: die geschlossenen Schulen der Pandemie, die Zuwanderung, das Telefon. Jede enthält etwas Richtiges. Aber keine trägt allein. Der Rückgang war schon 2018 messbar, vor der Pandemie, und er hat sich fortgesetzt, als die Schulen längst wieder offen waren. 29 Prozent der Fünfzehnjährigen haben heute eine Zuwanderungsgeschichte, und viele von ihnen liegen weit zurück; das drückt den Durchschnitt. Aber auch an der Spitze ist der Anteil der sehr guten Leser seit 2015 von zwölf auf sieben Prozent gefallen. Der Leiter der deutschen Studie an der Technischen Universität München, Samuel Greiff, hat es nüchtern festgehalten: Der Rückgang zeige sich über das gesamte Leistungsspektrum.

Der Befund ist zudem kein deutscher. Im Durchschnitt der OECD fiel die Lesekompetenz zwischen 2015 und 2025 um 28 Punkte, nach Rechnung der Organisation etwa anderthalb Lernjahre. Deutschland verlor im selben Zeitraum 44; nach derselben Faustregel entspräche das mehr als zwei Jahren. Der Generalsekretär, Mathias Cormann, sagte in Paris, mehr Zeit am Bildschirm und weniger Lesen zum Vergnügen seien mit den schwächeren Ergebnissen Hand in Hand gegangen. Fünfzehnjährige verbringen im Schnitt der OECD knapp dreieinhalb Stunden täglich in ihrer Freizeit an digitalen Geräten. Der Anteil derer, die einen Text überfliegen und rasch eine falsche Antwort geben, stieg seit 2018 von sieben auf elf Prozent. Die OECD nennt sie hastige Leser. Ein treffendes Wort.

Europa hat die Diagnose verstanden, jedes Land auf seine Weise. In Paris sprach der Bildungsminister von einer «kognitiven Zerstörung» der Jugend; in Madrid nannte die Ministerin das Leseverständnis die Wurzel aller Bildungsprobleme; in Den Haag wurde ein Aktionsplan für den Herbst versprochen. Das französische Verbot sozialer Netzwerke für unter Fünfzehnjährige hat der Verfassungsrat im August verworfen, als unverhältnismäßigen Eingriff in die Freiheit der Meinungsäußerung. In Berlin erklärte die Bundesbildungsministerin, es brauche keinen kurzfristigen Aktionismus, sondern einen langfristigen gemeinsamen Kurs. Man wird ihr darin schwerlich widersprechen. Die Gefahr eines kurzfristigen Aktionismus war in der deutschen Bildungspolitik, soweit ich sie überblicke, selten die dringendste.

Eine Beobachtung am Rande, die mir nicht nebensächlich scheint. Keiner der großen Dienste, um die es in Brüssel geht, ist in Europa entstanden. Die Aufmerksamkeit europäischer Kinder ist, genau besehen, ein Rohstoff geworden, der ausgeführt wird; veredelt wird er in Kalifornien und in Peking. Ein Kontinent, der kaum Bodenschätze besitzt, liefert ausgerechnet diesen einen, und er liefert ihn umsonst.

Ich habe versucht, eine Kindheit so aufzunehmen, wie man ein Gebäude aufnimmt, Geschoss für Geschoss. Zwischen dem ersten und dem achten Lebensjahr wird einem Drittel der Kinder in Deutschland selten oder nie vorgelesen, knapp einem Fünftel nie. Mit sieben dürfen die meisten ein Smartphone benutzen, mit neun besitzen sie im Schnitt ein eigenes. Mit zehn endet die Grundschule. Mit fünfzehn misst PISA, was daraus geworden ist. Und mit dreizehn, so will es Brüssel, sollen sie zum erstenmal ein soziales Netzwerk betreten dürfen. Ich halte das Gesetz für richtig. Aber es regelt Konten, nicht Geräte; Plattformen, nicht Wohnzimmer. Vieles ist entschieden, bevor es greift.

Entschieden wird es zudem ungleich. Der Zusammenhang zwischen Herkunft und Leistung ist in Deutschland so stark wie nie seit Beginn der Studien, etwa dreimal so stark wie in Kanada. Von 100 Jugendlichen aus benachteiligten Familien erreichen zwei die oberen Stufen, von 100 aus begünstigten 25. Die Trennlinie, schreiben die Münchner Forscher, verlaufe nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte, sondern zwischen privilegierten und benachteiligten Familien. Ich würde es, vielleicht vereinfachend, so sagen: zwischen Wohnungen, in denen vorgelesen wird, und solchen, in denen es still bleibt.

Dass sich solche Linien verschieben lassen, zeigt eine Stadt, die lange zu den Schlusslichtern gehörte. Hamburg lädt seit dem Schuljahr 2005/06 jedes Kind im Alter von viereinhalb Jahren in die Grundschule, die es später besuchen wird, rund 19.000 im Jahr, und prüft seine Sprache. Wer deutlichen Förderbedarf hat, muss ab fünf in die Vorschule. Die Zahlen des Verfahrens sind lehrreich: Von den Kindern, die zu Hause nur Deutsch sprechen und drei Jahre in der Kita waren, brauchten zuletzt knapp zwei Prozent diese Förderung; von denen, die zu Hause kein Deutsch sprechen und keine Kita besucht hatten, 96; nach drei Kitajahren war es noch die Hälfte. In der jüngsten Vergleichsstudie der Länder hielt Hamburg in der neunten Klasse sein Niveau, während der Bundesdurchschnitt in Mathematik um 24 Punkte fiel, und rückte vom elften auf den vierten Platz vor. Die Gewerkschaft wandte ein, die Stadt stehe vor allem deshalb besser da, weil die anderen schlechter geworden seien. Das mag stimmen. Aber in einem Land, in dem fast alles fällt, ist das Halten schon eine Leistung.

Man kann das Richtige übrigens auch wieder zurücknehmen. Nordrhein-Westfalen hatte 2007 einen Sprachtest für alle Vierjährigen eingeführt; seit 2014 gilt er nur noch für Kinder, die keine Kita besuchen. Bayern hat im März 2025 zum erstenmal alle Kinder vor der Einschulung verpflichtend getestet. 20 Jahre nach Hamburg.

Ich will mich nicht ausnehmen. Gestern abend habe ich zur Probe gezählt, wie oft ich während einer Stunde Lektüre nach dem Telefon greife. Elfmal. Es war nichts darunter, was nicht bis zum Morgen hätte warten können. Man gerät in diese Gewohnheit, ohne sie je beschlossen zu haben, und man bemerkt sie erst, wenn man sie zählt. Seither muss ich mich zwingen, das Gerät in die Küche zu legen, bevor ich ein Buch aufschlage. Kinder lernen das Lesen nicht aus dem Lehrplan allein. Sie lernen es, indem sie Erwachsene lesen sehen.

Der Börsenverein zählte 2025 unter den Zehn- bis Fünfzehnjährigen 30 Prozent weniger Buchkäufer als im Jahr zuvor. Vorige Woche, auf dem Hof eines Gymnasiums, an dem ich zu einem Vortrag eingeladen war, sprach ich mit einer Deutschlehrerin. Sie lese mit ihrer siebten Klasse keine ganzen Bücher mehr, sagte sie, nur noch Auszüge. «100 Seiten schaffen die meisten nicht.» Ich fragte, seit wann das so sei. Sie überlegte. «Seit ungefähr zehn Jahren.» Dann klingelte es zur nächsten Stunde.

Die nächste Versuchung ist schon da, und sie ist bequemer als jedes Video: die Zusammenfassung. Die Hälfte der deutschen Fünfzehnjährigen nutzt jede Woche einen KI-Assistenten zum Lernen. Wer sich von ihm Aufsätze schreiben oder Texte zusammenfassen lässt, schneidet im Schnitt der OECD in den Naturwissenschaften um etwa 20 Punkte schlechter ab. Am meisten beunruhigt die OECD, dass gerade jene Fähigkeiten schwinden, auf die es im Zeitalter der künstlichen Intelligenz ankomme: Informationen zu prüfen, Quellen miteinander zu verbinden, über das Gelesene kritisch nachzudenken. Darin liegt ein Widerspruch, den man sich klarmachen muss: Je besser die Maschinen lesen, desto entbehrlicher scheint es, selbst lesen zu können, und desto unentbehrlicher wird es.

Die Fünfzehnjährigen dieser Studie sind 2009 geboren, im selben Jahr wie WhatsApp; Instagram ist ein Jahr jünger als sie. Sie treten in diesen Jahren in Ausbildung und Beruf ein, genau dann, wenn die geburtenstarken Jahrgänge, über die ich hier kürzlich geschrieben habe, aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Ein kleinerer Jahrgang, der schlechter liest, soll eine größere Last tragen. Das ist keine Frage der Bildungspolitik mehr. Es ist eine der Statik.

Ich sehe zwei Wege. Auf dem ersten wird das Gesetz jahrelang verhandelt, abgeschwächt und mit den Konten älterer Geschwister umgangen; die Länder verweisen auf ihre Zuständigkeit, die Zusammenfassung ersetzt das Buch, und die nächste Studie, 2029, die das Lesen wieder in den Mittelpunkt stellt, bestätigt den Trend. Auf dem zweiten tut das Land, was es nach 2001 schon einmal getan hat und was Hamburg seit 20 Jahren tut: Es prüft jedes Kind mit vier, fördert verbindlich, lässt ganze Bücher lesen und das Telefon vor der Tür. Nach dem ersten Schock brauchte es zwölf Jahre für 24 Punkte. Was man heute bei den Vierjährigen beginnt, würde, wenn der Rhythmus der Studie bleibt, 2037 gemessen. Ich weiß nicht, welcher Weg genommen wird. Aber zum erstenmal seit langem sind sich Paris, Madrid, Den Haag und Brüssel über die Ursache weitgehend einig. Das ist mehr, als man 2001 hatte.

Ein Gesetz kann eine Stunde begrenzen. Füllen kann es sie nicht. Brüssel mag den Kindern eine Stunde am Tag zumessen; was sie mit den übrigen anfangen, lernen sie nicht aus einer Verordnung, sondern aus dem, was sie uns tun sehen. Ob wir darin ein gutes Beispiel geben, vermag ich, jedenfalls für mich selbst, nicht mit Sicherheit zu sagen.

Ich habe nachgerechnet. Eine Stunde am Tag ergibt, bei gemächlichen 30 Seiten, im Jahr knapp 11.000 Seiten. Das sind 36 Bücher von mittlerer Stärke.